Maßnahmen zum Schutz der Österreichischen Bevölkerung

Je nach Ausmaß eines radiologischen Notfalls treffen die Behörden Schutzmaßnahmen, die die Auswirkungen des Unfalls reduzieren und die Strahlenbelastung der Bevölkerung stark vermindern.

Bei jeder Art von radiologischen Notfällen ist die ständige und umfassende Information der Bevölkerung durch die Behörden ebenso wie die rasche Alarmierung der Betroffenen zentraler Teil eines effektiven Notfallmanagement. Neben den Informationskanälen wie Fernsehen, Teletext, Radio, Printmedien und der Website des BMNT können die Behörden kurzfristig ein Call-Center für telefonische Anfragen aktivieren. Bei einem schweren grenznahen KKW-Unfall wird die Bevölkerung in den betroffenen Bezirken über das Sirenenalarmsystem alarmiert. Hier ein Überblick über Maßnahmen, die abhängig vom Ausmaß des radiologischen Notfalls von den Behörden empfohlen  werden würden:

  • Aufenthalt in Gebäuden
  • Einnahme von Kaliumiodidtabletten
  • Evakuierungen sind in Österreich ausgeschlossen
  • Persönliche Schutzmaßnahmen
  • Spätere Maßnahmen
  • Maßnahmen in der Landwirtschaft zum Schutz der Lebensmittel werden in einem eigenem Artikel behandelt

 

Bei sehr schweren grenznahen KKW-Unfällen kann ein "Aufenthalt in Gebäuden" und "die Einnahme von Kaliumiodidtabletten" insbesondere für Kinder und Jugendliche in einzelnen Bezirken notwendig sein. Solche Unfälle sind sehr unwahrscheinlich, können aber – wie Fukushima gezeigt hat – nicht ausgeschlossen werden.

Aufenthalt in Gebäuden

 

Wie schützt die Maßnahme?

Im Falle eines sehr schweren grenznahen KKW Unfalls ist das Aufsuchen und Verbleiben in Gebäuden die wichtigste Schutzmaßnahme während des Durchzugs der radioaktiven Luftmassen. Die Maßnahme „Aufenthalt in Gebäuden“ schirmt die Betroffenen vor allem vor externer Strahlung beim Durchzug der radioaktiven Luftmassen und der am Boden abgelagerten radioaktiven Teilchen effektiv ab. Diese Maßnahme führt auch zu einer Verminderung der Strahlenbelastung durch das Einatmen von radioaktiven Stoffen in der Luft (Inhalation) während des Durchzugs der radioaktiven Luftmassen. Um die Effizienz der Maßnahme zu erhöhen, sollten während der Kontaminierungsphase Fenster und Türen geschlossen bleiben, Klimaanlagen ausgeschaltet werden und am Ende der Kontaminierungsphase die Gebäude gelüftet werden. Durch den Aufenthalt in Häusern kann die zu erwartende Dosis, je nach Gebäudetyp um das 10- bis 100-fache, reduziert werden.

Durchführung der Maßnahme

Im Anlassfall wird von den zuständigen Behörden über ORF unmittelbar nach der Sirenenwarnung angekündigt, wann und wo die Maßnahme notwendig sein wird.  Vor dem eigentlichen Eintreffen der radioaktiven Luftmassen wird die Bevölkerung durch die Sirenenalarmierung schließlich aufgefordert, Gebäude umgehend aufzusuchen und dort zu verbleiben. Nach Abzug der radioaktiven Luftmassen wird durch einen gleichbleibenden 1 minütigen Dauerton entwarnt. Aufgrund der höheren Empfindlichkeit von Kindern und Jugendlichen (kritische Bevölkerungsgruppe) wird in Österreich der Aufenthalt in Gebäuden schon bei geringeren Expositionen als bei Erwachsenen empfohlen.

Betreuungseinrichtungen wie Schulen haben ihre eigenen Alarmpläne um den Schutz der Kinder und Jugendlichen sicherzustellen.

 

Einnahme von Kaliumiodidtabletten

Wie schützt die Maßnahme?

Die Erfahrungen aus dem Reaktorunfall von Tschernobyl haben gezeigt, dass Schilddrüsenkrebs bei Kindern und Jugendlichen zu den relevantesten gesundheitlichen Auswirkungen zählt. Die Einnahme von Kaliumiodidtabletten schützt bei rechtzeitiger Einnahme sehr wirkungsvoll. Bei schweren KKW-Unfällen kann es zu einer Freisetzung von größeren Mengen radioaktiven Iods kommen. Die radioaktiven Iod-Isotope werden über die Atmung und über den Konsum kontaminierter Nahrungsmittel aufgenommen und in die Schilddrüse eingebaut. Durch die frühzeitige Zufuhr großer Mengen nicht radioaktiven Iods wird die weitere Aufnahme von radioaktiven Iod-Isotopen in die Schilddrüse blockiert und somit die Entstehung von Schilddrüsenkrebs erheblich verringert. Die Effektivität dieser "Iodblockade"  wurde in eindrucksvoller Weise in Polen nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl belegt. Trotz einer damals hohen Strahlenbelastung konnte durch die großräumige Verabreichung von Kaliumiodid ein Anstieg des Schilddrüsenkrebses verhindert werden.

Österreich bevorratet Kaliumiodidtabletten seit 1990

  • Für Kinder von 0 bis 18 Jahren, für Schwangere und Stillende können die Tabletten kostenlos und formlos in Apotheken zur Heimbevorratung abgeholt werden.
  • In Krippen, Kindergärten und Schulen wird die erste Tagesdosis Kaliumiodid bereitgehalten, kann aber nur bei Vorhandensein einer Einverständniserkärung des Erziehungsberechtigten verabreicht werden.
  • Personen zwischen 18 und 40 Jahren können die Tabletten in Apotheken kaufen.
  • Personen ab 40 wird von der Einnahme von Kaliumiodidtabletten abgeraten, da das Risiko, Schilddrüsenkrebs zu entwickeln sehr gering ist und etwaige Nebenwirkungen dominieren.

 

Wie wird die Maßnahme durchgeführt:

Im Anlassfall wird von den zuständigen Behörden über den ORF unmittelbar nach der Sirenenwarnung angekündigt, in welchen Bezirken die Bevölkerung vorsorglich Kaliumiodidtabletten besorgen bzw. bereitlegen soll. Vor dem eigentlichen Eintreffen der radioaktiv kontaminierten Luftmassen wird die Bevölkerung durch die Sirenenalarmierung schließlich aufgefordert, umgehend Gebäude aufzusuchen. Über den ORF würden die Behörden der betroffenen Bevölkerung die Einnahme der Kaliumiodidtabletten empfehlen.

Die Tabletten dürfen im Katastrophenfall nur nach ausdrücklicher Aufforderung durch die Behörden eingenommen bzw. verabreicht werden. Ein frühzeitiges Einnehmen der Tabletten kann genauso wie ein verspätetes Einnehmen zu einer verminderten Wirksamkeit führen. Aufgrund der höheren Empfindlichkeit von Kindern und Jugendlichen (kritische Bevölkerungsgruppe) wird in Österreich die Einnahme der Kaliumiodidtabletten schon bei geringeren Expositionen empfohlen.

Zu beachten ist, dass die Kaliumiodidtabletten nur vor radioaktivem Iod schützen, nicht aber vor Strahlung, die von Außen auf den Körper einwirkt. Deshalb wird die Einnahme von Iodtabletten nur zusammen mit anderen Schutzmaßnahmen wie dem Aufenthalt in Gebäuden angeordnet.

Weitere Informationen sind auf der Website des Gesundheitsministeriums zu finden.
 

Evakuierungen sind in Österreich ausgeschlossen

Evakuierung ist die geplante vorübergehende sehr rasche Räumung von Gebieten, in denen eine sehr hohe Kontaminierung bevorsteht. Diese Maßnahme wird bei schweren KKW-Unfällen nur in der unmittelbarsten Umgebung des Kraftwerkes, in den sogenannten Notfallplanungszonen, durchgeführt. Die Maßnahme muss vor dem Eintreffen radioaktiv kontaminierter Luftmassen durchgeführt und abgeschlossen werden. Eine Evakuierung während der Kontaminierungsphase führt zu einer weit höheren Dosis.

Verschiedene Untersuchungen haben die Auswirkung von schweren KKW-Unfällen auf Österreich systematisch untersucht und selbst extrem unwahrscheinliche "Worst Case"-Szenarien mit einbezogen. Diese Studien haben gezeigt, dass in Österreich im Falle eines KKW-Unfalls in Grenznähe auch unter ungünstigen meteorologischen Bedingungen (z.B. starker Niederschlag) und einer größtmöglichen Freisetzung (Größenordnung von Tschernobyl) eine großräumige Evakuierung unter der Voraussetzung, dass andere Schutzmaßnahmen gesetzt werden, auszuschließen ist. Maßnahmen, wie Aufenthalt in Gebäuden und die Einnahme von Kaliumiodidtabletten würden bei einem solchen Szenarium genügend Schutz bieten.
 

Generell kann eine Evakuierung nur vor oder nach der Kontaminierungsphase (Durchzug der radioaktiven Wolke) durchgeführt werden. Würde die Maßnahme während des Durchzugs der radioaktiven Luftmassen stattfinden, kommt es zu einer erheblich höheren Strahlenbelastung der Betroffenen als bei der Maßnahme "Aufenthalt in Gebäuden".

Persönliche Schutzmaßnahmen

Um die Exposition der betroffenen Bevölkerung zu vermindern, spielen persönliche Schutzmaßnahmen bei radiologischen Notfällen eine große Rolle.

  • Der Aufenthalt im Freien sollte während der Durchzugs der radioaktiv kontaminierten Luftmassen vermieden bzw. kurz gehalten werden
  • Bei einem notwendigen Aufenthalt im Freien sollte leicht zu reinigende Kleidung (z.B. Regenmantel) getragen werden, die den Körper und die Haare so weit wie möglich überdeckt, um die Haut vor den sich ablagernden radioaktiven Teilchen zu schützen
  • Einfache Hygienemaßnahmen, wie das Waschen von den Körperpartien, die mit Außenluft oder kontaminierten Oberflächen in Berührung gekommen sind, sollten durchgeführt werden
  • Kleidungsstücke und Schuhe, die im Freien getragen wurden, sollten vor dem Betreten des Wohnbereichs gewechselt werden
  • Auch Haustiere sollten nach einem Aufenthalt im Freien gereinigt werden
  • Auf den Konsum von Freilandgemüse und frischem Obst aus dem Garten bzw. Beeren und Pilze aus dem Wald sollte in den betroffenen Gebieten verzichtet werden
  • Saugen und Reinigen der Wohnungen nach dem Durchzug der radioaktiv kontaminierten Luftmassen

 

Spätere Maßnahmen

Durch folgende Dekontaminierungsmaßnahmen kann nach Durchzug der radioaktiv kontaminierten Luftmassen die externe Strahlenbelastung in Siedlungsgebieten zusätzlich vermindert werden:

  • Abspritzen und Nassreinigen mit Kehrsaugerfahrzeugen von Straßen und Plätzen
  • Bei Kinderspielplätzen: Abspritzen von Spielgeräten (Rutschen, Klettergerüsten etc.), Austausch von Sand in Sandkästen und der Austausch von Kies bzw. Rindenmulch
Veröffentlicht am 01.08.2019