„Warum die Kernenergie keine „grüne“ Investition ist“

Die Kernenergie ist weder eine nachhaltige Form der Energieversorgung noch stellt sie eine tragfähige Option zur Bekämpfung des Klimawandels dar. Sowohl das Verursacherprinzip als auch das Vorsorgeprinzip werden bei der Kernenergienutzung verletzt.

„Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“

Brundtland Report, 1987

Wegen des relativ geringen CO2-Ausstoßes wird die Kernenergie in der Klimadiskussion in zunehmender Weise als sauber, umweltfreundlich oder „grün“ dargestellt. Es gibt jedoch viele wichtige Argumente, die gegen die Kernenergie sprechen – vor allem gegen deren Nachhaltigkeit und somit auch gegen eine Klassifizierung als „grüne“ Investition.

Radioaktive Abfälle:

Die sichere und dauerhafte Entsorgung hochaktiver, radioaktiver Abfälle und abgebrannter Brennelemente ist nach wie vor ungelöst. Bis heute ist kein einziges Endlager für derartige Abfälle in Betrieb; weltweit. Aber selbst wenn in absehbarer Zeit derartige Endlager in Betrieb genommen werden sollten, so kann mit heutigem Wissen der sichere Einschluss, der für hunderttausende von Jahren erforderlich ist, nicht garantiert werden.

Brennstoffverfügbarkeit:

Uran und auch Thorium sind letztlich nur begrenzt verfügbar. Der sogenannte „Brennstoff­kreislauf“ existiert nicht. Die Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente kann nicht beliebig oft wiederholt werden. Darüber hinaus ist die Wiederaufarbeitung mit erheblichen Sicherheits-, Gesundheits-, Umwelt-, und Weiterverbreitungsrisiken behaftet. Der Übergang zu Brütertechnologien würde diese Risiken noch vervielfachen.

Nukleare Sicherheit:

Schwere Unfälle mit weitreichenden Auswirkungen können nach wie vor nicht ausgeschlossen werden. Der vielfach vorgenommene Vergleich von Energieträgern an Hand von Unfalltoten pro erzeugter KWh ist irreführend. Dabei werden nicht nur die Unbewohnbarkeit weiter Land­striche auf Generationen außer Acht gelassen, sondern auch die tatsächlichen Schadens­kosten. Diesbezüglich sei auf die Arbeiten des IRSN (Institut de Radioprotection et de Sûreté Nucléaire) verwiesen, das für einen schweren Unfall in Frankreich Folgekosten von über 400 Mrd.€ errechnete.

Komplementarität der Kernenergie:

Die Behauptung, dass sich erneuerbare Energieträger und die Kernenergie bei der Strom­erzeugung ergänzten, da Strom aus Kernenergie die Variabilität der Verfügbarkeit erneuer­barer Energieträger ausgleiche, ist unrichtig. Kernkraftwerke können nur sehr bedingt im Lastfolgebetrieb betrieben werden und sind für häufige und rasche Lastwechsel vollkommen ungeeignet. Angesichts der hohen Fixkosten von Kernkraftwerken würde sich die Unwirt­schaftlichkeit bei Lastfolgebetrieb weiter erhöhen. Somit ist bei einem verstärkten Einsatz von Kernenergie von einer Verdrängung von erneuerbaren Energieträgern auszugehen; nicht von einer Ergänzung.

Technologische Entwicklung:

Da die Dekarbonisierung der Energiesysteme rasch erfolgen muss, ist die Hoffnung auf baldige Entwicklung/Realisierung neuer Technologien, sei es zur nuklearen Stromerzeugung, sei es zur Behandlung hochaktiver, radioaktiver Abfälle oder abgebrannter Brennelemente, nicht gerechtfertigt. Trotz hoher staatlicher Förderung und jahrzehntelanger Forschung und Entwicklung sind die bislang erzielten Fortschritte eher als bescheiden einzustufen; baldige technologische Durchbrüche nicht zu erwarten. Darüber hinaus wäre dieser Hoffnung auf technologischen Fortschritt die technologische Entwicklung bei erneuerbarer Energieträgern und Speichertechnologien entgegenzuhalten.

Weiterverbreitung von Kernwaffen:

Ein Ausbau der Kernenergie erhöht zwingend die Gefahr der Weiterverbreitung von Kern­waffen. Fast jede Form von Plutonium kann zur Herstellung von Waffen verwendet werden. Das sogenannte „waffenfähige“ Plutonium stammt aus Kernkraftwerken, bei denen die Brennelemente nach relativ kurzer Zeit entfernt werden. Selbst leicht angereichertes Uran ist ein Ausgangsmaterial für waffenfähiges Uran. Jedes Kernenergieprogramm muss daher von einer lückenlosen Sicherheitskontrolle begleitet werden. Dies erhöht zusätzlich die volkswirt­schaftlichen Gesamtkosten.

Für den Klimaschutz bedeutet das: Die Kernenergie ist zu teuer, ein deutlicher Ausbau dauert viel zu lange und die Nachteile wiegen viel schwerer als die geringeren CO2-Emissionen.

Daher darf die Kernenergie auch nicht als gesamteuropäische Antwort auf den Klimawandel oder als gemeinsames Anliegen dargestellt werden.

Veröffentlicht am 11.05.2020