Welternährungstag 2020 – FAO nach 75 Jahren wichtiger denn je

Der jährlich am 16. Oktober von der UNO ausgerufene Welternährungstag – dem Gründungstag der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen vor 75 Jahren – steht heuer unter dem Motto „Grow, Nourish, Sustain. Together“. Er ist ein regelmäßiger Anlass für eine Bilanz hinsichtlich der globalen Ernährungs- und Versorgungslage.

 

Diese ist ernüchternd und zeigt, dass die Arbeit der FAO hinsichtlich der globalen Nahrungsmittelversorgung für alle Menschen, der Transformation in ein nachhaltiges Agrar- und Ernährungssystem und der Stärkung der Biodiversität noch lange nicht zu Ende ist.

Die Veranstaltung:

Der Welternährungstag wird regelmäßig in der Zentrale der FAO in Rom mit einem Festakt begangen, heuer pandemiebedingt per Videokonferenz:

Im Mittelpunkt der Ansprachen lagen die wieder ansteigenden Zahlen bezüglich Hunger und Unterernährung sowie die gleichzeitig und oft auch in den gleichen Ländern bestehende Fehlernährungen mit Übergewicht und Fettleibigkeit.

FAO Generaldirektor Qu Dongyu erinnerte an den historischen Moment der Gründung der FAO am 16. Oktober 1945 in Quebec, Kanada, als 42 Staaten die „Verfassung“ der FAO unterzeichneten. Nach einem kurzen Überblick über die bisherigen 75 Jahre forderte er die Weltgemeinschaft auf, die Anstrengungen zu verdoppeln. Hintergrund dieser Forderung ist das Ergebnis einer im Rahmen der Veranstaltung präsentierten Studie, wonach (nur) mit einer Verdoppelung der Hilfsbudgets die UN-Nachhaltigkeitsziele bis 2030 erreicht werden könnten.  

In dieselbe Richtung ging die Videobotschaft von UN-Generalsekretär Antionio Guterres. Er gratulierte dem UN-Welternährungsprogramm für die würdige Anerkennung durch den Friedensnobelpreis und kündigte für 2021 ein großen Food Systems Summit an.

Papst Franziskus bezeichnete die steigenden Hungerzahlen als eine humanitäre Katastrophe und eine Schande. Während es auf der Welt einerseits beachtliche wissenschaftliche Fortschritte gibt, steigt Hunger und Unterernährung wieder an, wobei außerdem noch Tonnen von Nahrungsmitteln verschwendet werden. Er forderte die Weltgemeinschaft auf, die Ausgaben für Waffen und sonstige militärische Ausgaben einzuschränken und dieses Geld in einen „Weltfonds“ umzuleiten, dessen Aufgabe die Hilfe für die ärmsten Staaten wäre.

Trübe Aussichten für 2021 hatte WFP Exekutivdirektor David Beasley, aber wenn es gelingt, die Herzen und die Geldtaschen rund um die Welt zu erreichen, gelingt vielleicht ein Wunder. Ohne ein Ende bewaffneter Konflikte, wird man den Hunger nie beenden. Darüber hinaus müsse man auf Klimaextreme reagieren und fragile Regierungen beraten. Das WFP hätte das Fachwissen für einen positiven Anschub, damit die Weltgemeinschaft irgendwann mit einem Welternährungstag das Ende von Hunger und Unterernährung feiern könnte.

Eine Fokussierung auf die am meisten betroffenen Bevölkerungskreise forderte der Leiter des Internationalen Fonds für Landwirtschaft und Entwicklung (IFAD), Gilbert F. Houngbo. In Krisenzeiten leiden die Ärmsten und Verwundbarsten am stärksten, besonders in ländlichen Gegenden. Die 2 Milliarden Kleinlandwirte auf der Welt erzeugen mehr als Hälfte der weltweit konsumierten Kalorien. Was wäre also zu tun? Benötigt werden höhere und zielgerichtete Investitionen, die Kleinlandwirtschaften zu Gute kommen wie Bereitstellung von Saatgut, Investitionen in das ländliches Wegenetz oder verbesserte Lagereinrichtungen. Weiters müssen Kleinlandwirte ihre Waren auch zu den Märkten bringen können. Gerade in Pandemiezeiten mit geschlossenen Märkten und unterbrochenen Lieferketten braucht es neue innovative Ansätze. IFAD unterstützte beispielsweise die Errichtung eines digitalen Marktplatzes in Brasilien als  Marketingchance für lokale Bauern in Coronazeiten. Abschließend betonte er die Stärkung der Resilienz gegen Auswirkungen des Klimawandels, dessen negative Effekte die Existenzen von Kleinbauern immer stärker bedrohen.  

Weitere Videobotschaften erfolgten von Italiens Staatspräsident Sergio Matarella als Vertreter des Gastgeberlandes, und von den 2 Sonderbotschaftern für Ernährung, König Letsie III aus Lesotho, sowie Königin Letizia von Spanien.

Ergänzt wurden diese Ansprachen durch einen wissenschaftlichen Vortrag von Professor Joachim von Braun über „die Rolle von Politik, Innovation, Bioökonomie und der UN-Nachhaltigkeitsziele bei der Transformation des Agrar- und Lebensmittelsystems“. Professor Braun ist überdies Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirates zur Vorbereitung des für 2021 geplanten Food Systems Gipfeltreffens in Rom (Pre-Summit) und New York (Summit). Das Statement der Europäischen Union zu dieser Veranstaltung finden Sie am Ende dieser Seite in Form einer gemeinsamen Videobotschaft der gegenwärtigen EU-Präsidentschaft (Deutschland) und der Leiterin der EU-Delegation in Rom. Neben dieser zentralen Veranstaltung fanden quer über den Globus zahlreiche lokale Veranstaltungen wie in Brüssel, Japan oder in Angola statt, die sich unter anderem sogenannten "food heroes" widmeten.

Hinweis: Die zentrale Veranstaltung kann derzeit  unter diesem Link per Internet abgerufen werden.

Hintergrund:

Laut dem letzten State of Food and Nutrition Bericht der FAO (SOFI) litten 2019 an die 690 Millionen Menschen an akutem Hunger, was einer Zunahme von 10 Millionen Menschen gegenüber 2018 bzw. 60 Millionen in den letzten 5 Jahren entspricht. Durch die weltweite Covid-19 Pandemie sind weitere 130 Millionen Menschen akut hungergefährdet. Gleichzeitig geht ca. 14% der erzeugten Nahrungsmittelmenge verloren, bevor sie den Großhandel erreicht. Unter dem Gesichtspunkt des Anwachsens der Weltbevölkerung auf 10 Milliarden Menschen bis 2050, wird ohne eine Transformation der Ernährungssysteme die Unter- und Fehlernährung massiv anwachsen.

75 Jahre FAO: 

Zurzeit sind 194 Staaten Mitglied der FAO sowie eine Mitgliedsorganisation (EU) und 2 assoziierte Staaten. Die FAO sieht sich hauptsächlich als Wissensorganisation, deren Expertise die Landwirtschaft durch bessere Produktionsmethoden zu höheren und stabileren (Stichwort Klimawandel) Erträgen bringt.

Zu den Hauptaufgaben zählen daher

  • die Bekämpfung von Hunger, Unter- und Fehlernährung,
  • die Bekämpfung von Armut und damit zusammenhängend die Förderung der wirtschaftlichen und sozialen Prosperität aller Menschen und
  • die Förderung eines nachhaltigen Umgangs mit den natürlichen Ressourcen wie Boden, Luft, Wasser, Wald und genetische Ressourcen zum Wohle künftiger Generationen.

Zur Bewältigung der UN-Nachhaltigkeitsziele ist die FAO von zentraler Bedeutung, lassen sich doch die zukünftigen Herausforderungen nur durch neue innovative Lösungen finden. Dabei soll die FAO auch als Plattform dienen und potentielle Geber und Nehmer durch eine „Hand in Hand“ – Initiative" zusammenführen. Die FAO unterscheidet sich  von den anderen beiden in Rom beheimateten UN-Organisationen Welternährungsprogramm (WFP) und Internationaler Fond für Landwirtschaft und Entwicklung (IFAD) durch deren Zielsetzung durch technische Expertise wie auch globale anerkannte Standards (zum Beispiel Codex Alimentarius) die Art und Weise der landwirtschaftlichen Produktion zu verbessern. Demgegenüber leistet das UN-Welternährungsprogramm akute Soforthilfe für die Menschen in Not auf Grund von kriegerischen Konflikten, Dürren, Überschwemmungen oder anderen Gründen. IFAD wiederum finanziert als multilaterale Finanzinstitution ländliche Entwicklungsprojekte zur Verbesserung der Lebensbedingungen in den ärmsten Gegenden dieser Welt.

Die FAO selbst hat 2017 folgende 10 Errungenschaften hervorgehoben:

  1. die Schaffung des Codex Alimentarius, also einheitlicher Lebensmittelstandards zum Schutz der Konsumenten,
  2. die im Jahre 2002 erfolgte Auslöschung der Onchozerkose, einer durch Fliegen übertragenen sehr ansteckenden und zur Erblindung führenden Krankheit in Westafrika,
  3. der Internationale Vertrag zur Bewahrung von pflanzengenetischen Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft (ITPGRFA), angenommen von 135 Ländern im Jahre 2001, mit dem Ziel der langfristigen Bewahrung und gerechten Nutzenaufteilung wichtiger genetischer Ressourcen,
  4. das Welternährungskomitee (CFS), einer auch die Zivilgesellschaft einbindenden Plattform zur Stärkung der weltweiten Ernährungssicherheit,
  5. die Halbierung des Hungers in Lateinamerika von 1990-2014 durch fachliche Beratung der Regierungen,
  6. die Bekämpfung der Rinderpest gemeinsam mit der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) im Jahre 1994,
  7. die Verabschiedung der Leitlinien zum „Recht auf Nahrung“ im Jahre 2004,
  8. die im Gefolge des starken Preisanstieges der Lebensmittelpreise 2008-2009 erfolgte Einrichtung eines agrarischen Preismonitoringssystems, genannt AMIS (Agricultural Monitoring and Information System),
  9. die Ausarbeitung und Annahme (2012) der Freiwilligen Richtlinien zur verantwortungsvollen Nutzen von Boden und Land sowie
  10. der Code of Conduct on responsible fisheries and port-state measures agreement mit dem Ziel der Hintanhaltung von Überfischung und Leerfischung unserer Weltmeere.

Österreich und die FAO:

Österreich ist seit  27. August 1947 Vollmitglied in der FAO mit allen Rechten und Pflichten (obligatorischer Mitgliedsbeitrag). Seit dem Beitritt zur Europäischen Union koordiniert das für die FAO zuständige Bundesministerium für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus (BMLRT) seine Positionen für alle FAO Gremien (Konferenz, Rat, CFS und andere Untereinheiten) im Rahmen einer Ratsarbeitsgruppe. Zählt man die verpflichtenden und die freiwilligen Beiträge der Europäischen Union und seiner 27 Mitgliedsstaaten zusammen, ist die EU der größte Beitragszahler der FAO.

Veröffentlicht am 14.10.2020, Internationale Agrar- und Handelspolitik (Abteilung II/9)

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